der Zwergenprinz

 

Es war einmal ein Zwergenprinz, der in seinem Reich bei seinen Eltern lebte, wo er alles hatte, was er zum Leben brauchte: Feines grünes Tuch für seine Kleidung, genug zu essen, schöne Blumen – alles, was Zwerge lieben, und zum Leben brauchen. Nur eines fand er in seinem Zwergenreich nicht: die Braut, mit der er hätte glücklich leben können für alle Zeit.

Nicht, daß der Zwergenprinz häßlich gewesen wäre, oder daß es im Zwergenreich keine hübschen Mädchen gegeben hätte: Deren gab es genug, die den hübschen Prinzen gerne geheiratet hätten. Doch der Prinz verzehrte sich in unsäglicher Liebe zu der Prinzessin des Menschenreiches, das an das Zwergenreich angrenzte, und es eigentlich umschloß. Aber was sollte er mit ihr! Er war kaum länger als einer ihrer Zeigefinger, und sie war eben ein Mensch, so groß, wie Menschen üblicherweise sind.

Und doch war ihm eine Prophezeiung zuteil geworden, die da heißt: "Wahre Liebe macht alles möglich. Erringe ihre Liebe, so wird sich das weitere wohl finden." Und so hatte er um sie geworben, mit aller Kunst, die einem galanten Zwergenprinz angeboren, und auch anerzogen ist. Er hatte für sie Gedichte geschrieben, für sie Lieder gesungen – und er konnte singen! -, und versucht, sie mit den feinsten Düften, die im Zwergenreich aus den Extrakten der Blumen hergestellt werden, zu betören. Aber alle Mühe war vergeblich gewesen, der Größenunterschied hatte alle Versuche zunichte gemacht, sie hatte ihn verschmäht, und ausgelacht, als er um ihre Hand angehalten hatte. Er war gesenkten Hauptes in sein Reich zurückgekehrt, und verkehrte mit niemandem mehr.

Doch die Prinzessin wurde ihres Lebens in ihrer Kammer auch nicht mehr froh. Nicht nur, daß ihr Vater, der König des Menschenreiches, sie streng ermahnt hatte, daß man ehrliche Freier nicht schmähen dürfe: Auch bei ihr regte sich das Gewissen, und das Schloß, das sie bewohnte, schien ihr plötzlich fürchterlich leer ohne den verliebten Prinzen, und all die höflichen Verbeugungen ihrer Höflinge erschienen ihr wie die lächerlichen Bewegungen der Marionetten des Puppentheaters, die die Bewegungen der Menschen ja auch mehr karikieren als nachahmen, gegen die feinen Hofknickse des Zwergenprinzen.

Und nach und nach, ohne daß sie es wirklich bemerkte, keimte auch in ihr die Liebe auf, nun, da der Prinz weg war, und sie daher seine Kleinheit nicht mehr ständig vor Augen hatte, um sich darüber lustig zu machen. Sie wurde von Tag zu Tag stiller, und in sich gekehrter, und schließlich beschloß sie, einen Boten zu ihm zu schicken, und ihn um Verzeihung und um Rückkehr zu ihr zu bitten. Es dauerte einige Tage, bis der Bote mit der Antwort zurückkehrte: "Geliebte Prinzessin!" hatte der Prinz auf ein Blatt feinstes Papier geschrieben, indem er dieses auf eine Schultafel aufgespannt hatte, und mit einem großen Pinsel darauf mit Tusche die Nachricht aufgebracht hatte. "Ihr habt mich tief verletzt, und Ihr wißt es. Doch Ihr bittet mich um Verzeihung, das macht mich glücklich. Was wäre meine Liebe für ein Windhauch, wenn ich Euch nicht verzeihen würde? Verzeihen gehört zur Liebe dazu, wie Tauwasser auf eine Blume im Morgengrauen, wenn die ersten Sonnenstrahlen sich darin spiegeln und die Blume zum Leuchten bringen wie einen herrlichen Kristall. Ich liebe Euch, Prinzessin, und ich werde kein Wort mehr verlieren über die Schmach, die ich erlitten. Laßt mich statt dessen erneut um Eure Hand anhalten: ich weiß, daß ich klein bin, und wenn ich vor Euch auf dem Tisch stehe, so bin ich gefangen wie ein Häschen in der Falle des Jägers, wenn Ihr mir nicht helft. Doch ich vertraue Euch und der Gnade der ewigen Gerechtigkeit. Laßt uns ein Paar werden, wenn wir einander in Liebe zugetan sind, so werden wir alle Welten, die zwischen uns liegen, überwinden. In Liebe --- Euer Prinz aus dem Zwergenreich."

Die Prinzessin war überglücklich über diese Antwort, denn bei den Menschen verhält es sich meist anders mit Entschuldigungen und deren Annahme. Sie hatte oft genug erlebt, daß Entschuldigungen nur aus selbstsüchtigen Gründen ausgesprochen oder gar angenommen wurden, oder daß sie nie angenommen wurden, weil die Beleidigten ihre Ehre und ihre Schmach über jede noch so ehrlich gemeinte Bitte um Verzeihung stellten. Es gingen wohl noch einige Boten hin und her, doch dann wurde zwischen den beiden Königreichen ein Treffen beider Hofstaate an den Grenzen der beiden Reiche vereinbart, bei welchem der Prinz und die Prinzessin sich feierlich verloben sollten.

An jenem Tag, einem kühlen, aber klaren Morgen, an dem die Blumenkelche glitzerten und leuchteten, so, wie die Zwerge es über alles liebten, erwartete dann der Zwergenhofstaat die Menschen in seiner feinsten Pracht, die Wiese leuchtete wie im Frühling, so viele bunte, goldbestickte Umhänge hatten die Zwerge übergeworfen über ihre grünen Anzüge. Am meisten aber leuchtete der Prinz, er schien von innen heraus zu leuchten wie der Kelch einer Glockenblume, in der ein Tautropfen sich gefangen hat, und der von hinten von der Sonne beschienen wird.

Und auch der menschliche Hofstaat glänzte und leuchtete, die Menschen hatten sich in ihre feinsten Gewänder gehüllt, und ganz leichte, tücherne Schuhe angezogen, damit ihr unsanfter, schwerer Schritt die Zwerge nicht erschrecken möge, denn es war ganz selten, daß die Zwerge sich offen zeigten, und nur der Liebe des Prinzen war es zu verdanken, daß man einmal den ganzen Hofstaat der Zwerge bewundern und treffen konnte. Die Prinzessin hingegen war schlicht gekleidet, sie trug ein weißes, bis an den Boden reichendes Kleid, und hatte ihre schwarzen Haare einfach nach hinten gesteckt. Sie trug keinen Schleier, denn es war nicht ihre Hochzeit, sondern erst die Verlobung. Doch auch ihr Gesicht schien zu leuchten, als sie dahinschritt, und so mancher hübsche junge Mann am Hofe, der auch versucht hatte, um sie zu werben, war insgeheim neidisch auf den Zwerg, der es geschafft hatte, die Liebe dieser Frau zu erringen.

Die Sonne hatte sich gerade etwas höher erhoben, und begann, die Tautropfen aufzusaugen, die glitzerten und glänzten wie Diamanten, als der Prinz und die Prinzessin aufeinander zutraten. Sie kniete sich nieder, um wenigstens etwas kleiner zu werden, er stand auf einer kleinen Treppe, und so grüßten sie sich still einige Minuten lang, dann hielt der Prinz noch einmal formell um ihre Hand an, erst bei ihr, dann bei ihrem Vater, dem König des Menschenreichs. Dann zog sie einen Ring von ihrem Kleinen Finger, und sprach: "Geliebter Prinz, nimm diesen Ring als Zeichen meiner Liebe. Ich will Deine Frau werden, und Dir treu sein mein Leben lang, denn ich liebe Dich." Die Augen des Prinzen wurden feucht vor Glück, als er den feinen Reif – das feinste, was menschliche Goldschmiede herstellen konnten – in die Hände nahm, und obwohl der Ring groß genug war, von ihm als Krone getragen zu werden, streifte er ihn auf seinen Mittelfinger auf. "Ich bin ja so glücklich." sagte er laut, aber leise flüsterte er auch noch "Ich bin ja so neugierig..." Und wie er das sagte, und den Ring über seinen Finger streifte, tat es plötzlich einen gewaltigen Knall, daß den Zwergen und Menschen die Ohren gellten, und der Prinz ward so groß wie ein Mensch, und zum ersten Mal konnten die Prinzessin und der Prinz einander umarmen und küssen wie jedes normale Liebespaar.

Und so war die Prophezeiung in Erfüllung gegangen, die da gesagt hatte, wahre Liebe könne alles bewirken, und alle Grenzen überwinden. Ihre Liebe zu ihm hatte die Grenze überwunden, und sie einander nahe gebracht, und so lebten die beiden glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Nur das Treppchen, auf dem der Prinz gestanden hatte, war nicht mehr zu retten: Mit dem Gewicht eines Menschen hatte er es zu Splittern zermahlen, und es war nur mehr als Feuerholz für die kleinen Öfen der Zwerge zu verwenden gewesen.
 

 

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